ADS | ADHS

ADHS und Autismus überschneiden sich an vielen Stellen, unterscheiden sich aber auch deutlich.

Für meinen Blog möchte ich zeigen, wie vielfältig ADHS sein kann und dafür habe ich meine Freundin Juliane zum Gespräch eingeladen. Sie lebt mit ADHS und erzählt offen über ihre Diagnose, die Stärken, die sie daraus zieht, ihren Alltag und den Umgang mit Medikamenten. Ihre Perspektive ergänzt meine eigene und gibt einen wertvollen Einblick in eine andere Art, die Welt wahrzunehmen.

Was ist ADHS und wie unterscheidet es sich von ADS?

ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist als neurobiologische Entwicklungsstörung bekannt, die sich vor allem durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zeigt. Diese Symptome beginnen meist in der Kindheit und können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Betroffene haben oft Schwierigkeiten, Aufgaben zu planen, zu organisieren oder zu beenden, können sich aber bei starkem Interesse sehr gut konzentrieren, was meist zu inkonsistenten Leistungen führt. Im Erwachsenenalter wandelt sich die Hyperaktivität häufig in innere Unruhe um und oft treten Begleiterkrankungen wie Angst oder Depression auf.

Der Unterschied zwischen ADHS und ADS liegt im „H“ für Hyperaktivität: Während sich bei ADHS zusätzlich zu Unaufmerksamkeit und Impulsivität auch motorische Unruhe zeigt, äußert sich ADS eher in innerer Unruhe, Verträumtheit oder Langsamkeit und bleibt äußerlich oft unauffällig. Früher wurde ADS als eigenständige Form betrachtet, heute gilt es meist als vorwiegend unaufmerksamer Typ von ADHS.

ADHS ist genauso vielfältig wie Autismus. Ein Verständnis für die Kernsymptome, die Unterschiede zwischen ADHS und ADS und die individuellen Erfahrungen der Betroffenen kann den Alltag erleichtern und das Verständnis vergrößern.

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ADHS verstehen – Ein Gespräch mit Juliane

Juliane berichtet, dass der Alltag mit ADHS herausfordernd sein kann. Klare Routinen, Erinnerungen und Struktur helfen ihr, den Überblick zu behalten, während sie sich bei starkem Interesse sehr gut fokussieren kann. Überforderung durch Reize oder zu viele Eindrücke kennt sie gut, ebenso wie Phasen von Angst oder Erschöpfung. Sie betont, wie wichtig es ist, sich selbst anzunehmen, Pausen einzuplanen und das Umfeld einzubeziehen, wenn nötig.

Wie würdest du dich selbst jemandem vorstellen, der dich noch nie getroffen hat?

„Ich bin Juliane. In meinem Kopf läuft meistens sehr viel gleichzeitig ab, und ich gehe eher intuitiv als strukturiert durch meinen Alltag. Ein bisschen chaotisch vielleicht, aber warmherzig, empathisch und kreativ. Ich merke schnell, wie es anderen geht. Auch wenn ich manchmal sprunghaft wirke, bin ich ehrlich, offen und verlässlich gegenüber den Menschen, die mir wichtig sind.“

Wie hast du gemerkt, dass du anders funktionierst als viele andere?

„Das begann schon in meiner Kindheit. Mein Zimmer war oft ein Chaos und Aufräumen machte es nur schlimmer, weil ich mich ständig ablenken ließ. Vor Kindergeburtstagen war ich tagelang gestresst und danach völlig überreizt. Bei meiner Einschulung habe ich fast nur geweint, weil es so laut und überwältigend war. Später dachte man lange, ich sei depressiv, doch klassische Antidepressiva halfen kaum. Erst Medikamente, die den Dopaminhaushalt beeinflussen, zeigten Wirkung und da wurde klar, dass ADHS schon immer eine Rolle gespielt hat.“

Wie bist du zur ADHS-Diagnose gekommen?

„Ich habe meinem Psychiater gesagt, dass ich gerne auf ADHS getestet werden möchte, weil vieles im Alltag plötzlich Sinn ergab. Das Testergebnis war eindeutig. Er war überrascht, wie gut ich jahrelang maskiert habe – nach außen wirkte ich normal und belastbar, obwohl innerlich Chaos herrschte.“

Du hast ja Erfahrungen mit ADHS-Medikationen. Wie war das für dich?

„Am Anfang war es eine enorme Erleichterung. Mein Kopf war ruhig, keine zehn Gedanken gleichzeitig, kein ständiges inneres Diskutieren. Ich konnte plötzlich verstehen, wie sich das Leben für Menschen anfühlt, die nicht permanent mit ihrem eigenen Kopf kämpfen müssen. Nach einiger Zeit kamen Nebenwirkungen, vor allem Schlafprobleme, sodass ich die Medikamente pausieren musste. Ich habe gelernt, dass Menschen mit ADHS sensibler auf innere Veränderungen reagieren, auch auf Medikamente. Deshalb kann es nötig sein, verschiedene Präparate oder Dosierungen auszuprobieren, bis alles passt.“

Wie zeigt sich ADHS bei dir im Alltag besonders deutlich?

„Ich vergesse extrem viel. Selbst wichtige Dinge rutschen mir manchmal komplett aus dem Kopf. Nach langer Zeit mit vielen Reizen oder Menschen bin ich oft tagelang überreizt. Mein Nervensystem braucht dann viel mehr Ruhe als sonst, Rückzug und Zeit zur Regeneration.“

Welche Situationen strengen dich am meisten an und wie gehst du damit um?

„Mich überfordern Situationen mit vielen Eindrücken gleichzeitig: laute Räume, mehrere Gespräche auf einmal, spontane Planänderungen oder vollgepackte Tage. Ich plane inzwischen Pausen ein, erledige Dinge nacheinander und sage offener, wenn mir etwas zu viel wird. Das hilft mir sehr.“

Welche positiven Aspekte von ADHS erlebst du bei dir?

„Ich bin sehr kreativ und denke schnell und intuitiv. Ich sehe Details oder Lösungen, die andere übersehen. Außerdem habe ich ein starkes Gespür für Stimmungen und bin sehr empathisch. Wenn mich etwas begeistert, habe ich Energie und Begeisterung, die sehr hilfreich sein können.“

Was fällt dir in der Verbindung zwischen ADHS und Autismus auf, besonders auch in unserem Umgang miteinander?

„ADHS und Autismus haben viele Überschneidungen, besonders bei Reizempfindlichkeit, Strukturen und klarer Kommunikation. In vielerlei Hinsicht ergänzen wir uns. Ich finde gut, dass du mich daran erinnerst, wenn ich etwas vergesse, und dass du mir nicht böse bist, wenn ich mich mal länger nicht melde. Dafür gebe ich dir die Informationen, die du brauchst. Zum Beispiel wann ich ungefähr losfahre, der Zeitpunkt an dem ich wirklich starte und der Zeitpunkt, an dem ich ankomme. Diese gegenseitige Rücksicht sorgt dafür, dass unser Umgang leicht und respektvoll ist.“

Was würdest du Menschen mitgeben, die selbst ADHS vermuten oder frisch diagnostiziert wurden?

„Gib dir Zeit, dich selbst neu kennenzulernen. ADHS bedeutet nicht, dass du kaputt bist. Es bedeutet nur, dass du anders funktionierst. Die Diagnose kann ein riesiger Schritt Richtung Verständnis und Selbstannahme sein. Hol dir Unterstützung, probiere Dinge aus, die dir helfen, und hör auf, dich mit Menschen zu vergleichen, die ganz andere Voraussetzungen haben. Die Diagnose ist keine Belastung, sondern eher eine Anleitung zu dir selbst.“

Hilfe zur Selbsthilfe findest du bei:

¬ ADHS Deutschland e.V.

„Als älteste und größte ADHS-Selbsthilfeorganisation in Deutschland engagieren wir uns seit bald vier Jahrzehnten ehrenamtlich für Menschen mit ADHS. Wir sind ein gemeinnütziger Verein mit ehrenamtlich arbeitenden Mitgliedern auf Bundes-, Landes- und örtlicher Ebene und sind mit über 200 Selbsthilfegruppen, Online-Gruppen und einem Telefonberaternetz bundesweit tätig.“ ADHS Deutschland e.V.