Was ist Autismus?
Autismus lässt sich nicht mit einem Satz erklären und vielleicht ist genau das der Grund, warum es so viele Missverständnisse rund um dieses Thema gibt. Autismus ist keine Krankheit, die man „heilen“ kann, und auch kein Charakterzug, den man sich aussucht. Er beschreibt vielmehr eine besondere Art die Welt wahrzunehmen, zu verarbeiten und mit ihr in Beziehung zu treten.
Ein zentraler Unterschied, der dabei oft übersehen wird, ist die Art der Reizverarbeitung. Neurotypische Menschen (Menschen, deren neurologische Entwicklung der gesellschaftlichen Norm entspricht) verfügen gewissermaßen über einen inneren Filter: Viele Eindrücke werden automatisch sortiert, abgeschwächt oder ausgeblendet, ohne dass sie darüber nachdenken müssen. Bei Menschen mit neurologischer Varianz (Menschen, deren Gehirnfunktionen und Denkweisen von der als „neurotypisch“ definierten gesellschaftlichen Norm abweichen) funktioniert dieser Mechanismus nicht oder nur eingeschränkt.
Am besten lässt sich das anhand einer Kaffeemaschine erklären. Bei einer „funktionierenden“ Kaffeemaschine sorgt die Filtration dafür, dass der Kaffee durch den Filter in die Kanne läuft. Doch was passiert, wenn ich diesen Filter entferne? Alles prasselt unaufhörlich, ungefiltert in die Kanne und irgendwann läuft sie über. Genau so kann sich der Alltag für Autisten anfühlen: Verschiedenste Reize wie Lichtempfindlichkeit, Gerüche, Geräusche, Gespräche kommen gleichzeitig an, ungeordnet und in voller Stärke. Es gibt kein „leiser drehen“, kein automatisches Ausblenden. Alles ist da, sofort.
Diese dauerhafte Reizüberflutung führt manchmal zu einem sogenannten Overload (Überlastung durch zu viele Eindrücke gleichzeitig), einem Zustand, in dem einfach nichts mehr geht. Je nach Situation und Person kann daraus ein Meltdown (heftige Reaktion auf Überforderung) entstehen, in dessen Verlauf Emotionen plötzlich sichtbar nach außen treten, oder ein Shutdown (Rückzug als Reaktion auf Überlastung), bei welchem sich Betroffene häufig innerlich zurückziehen und in der Folge komplett der Außenwelt verschließen.
Wie sich diese ungefilterte Wahrnehmung für den jeweils Einzelnen anfühlt, lässt sich schwer in allgemeinen Worten beschreiben. Oft sind es persönliche Bilder und Erfahrungen, die näher heranführen als jede Definition.
„Autismus ist Segen und Fluch. Ich bemerke wunderschöne Dinge, wie den Krabbelkäfer im Gras, aber nicht, dass die Wiese, auf der das Gras wächst, ein Fußballfeld ist.“
Andreas M.
Solche Beschreibungen wirken für Außenstehende manchmal widersprüchlich. Sie stellen aber genau das Spannungsfeld dar, in dem viele Autisten leben: eine intensive Wahrnehmung auf der einen Seite und gleichzeitige Überforderung auf der anderen.
Denn Autismus zeigt sich genau hier besonders deutlich: in der ständigen Notwendigkeit, eine Welt auszuhalten, die ungefiltert auf uns einwirkt und betrifft zum Beispiel auch die Art, wie soziale Situationen erlebt werden. Viele Autisten empfinden unausgesprochene Regeln, Smalltalk oder „zwischen den Zeilen“ Gesagtes als anstrengend oder unverständlich. Nicht, weil sie kein Interesse an anderen Menschen haben, sondern weil ihnen der automatische Filter fehlt, der soziale Informationen scheinbar mühelos kategorisiert und einsortiert.
Manche Menschen haben ihr Bild von Autismus aus verschiedenen Medien, die mit Filmen wie Rain Man oder Adam – Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere versuchen Autismus zu visualisieren und einem breiten Publikum näher zu bringen. Doch diese Darstellungen sind meist zugespitzt, stellen einzelne Aspekte stark in den Vordergrund und vernachlässigen andere komplett. Das soll kein Vorwurf sein, Filme müssen verdichten, um verstanden und erzählt zu werden.
Problematisch wird es erst dann, wenn diese Bilder als Maßstab für „den Autismus“ gelten. Denn Autismus ist kein festes Rollenprofil, sondern ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Erfahrungen.
„Autismus ist keine Krankheit, keine Störung oder gar beklagenswerte Beeinträchtigung, sondern nur eine besondere, ungewöhnliche, eigentümliche Ausprägung des Menschseins.“
Barry M. Prizant
Gerade deshalb greifen viele Beschreibungen zu kurz, sie zeigen einen Ausschnitt, aber nie das Ganze. Persönliche Stimmen helfen, diese Vielfalt sichtbar zu machen, doch auch sie ersetzen eine medizinische Einordnung nicht. Um Autismus besser zu verstehen, braucht es beides: das Erleben der Betroffenen und einen medizinischen Rahmen, der erklärt, warum Wahrnehmung, Kommunikation und Verhalten so unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die Wissenschaft versucht, diese Unterschiede zu beschreiben und einzuordnen, nicht, um Menschen zu bewerten, sondern um sie besser zu verstehen und unterstützen zu können.
Medizinisch wird Autismus als eine neurobiologische Entwicklungsbesonderheit beschrieben. Im Mittelpunkt stehen soziale Interaktion, Kommunikation sowie repetitive Verhaltensmuster oder besondere Interessen. Diese Einordnung hilft, Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen, erklärt allerdings nicht, wie Autismus im individuellen Alltag erlebt wird.
Ein weiteres Problem liegt darin, dass diese Kriterien lange Zeit überwiegend an männlichen Ausprägungen von Autismus orientiert waren. Viele Frauen im Autismus-Spektrum fallen daher oft durchs „Raster“ – nicht selten, weil sie früh lernen, Erwartungen zu erfüllen und ihre Überforderung zu kompensieren. Hierfür nutzen sie meist Anpassungsstrategien wie das Masking, auch Camouflaging genannt, bei denen Betroffene ihre natürlichen Merkmale verbergen, um neurotypisch zu erscheinen und soziale Akzeptanz zu finden. Die Folge sind späte Diagnosen oder jahrelange Unsicherheit.
Gerade deshalb ist eine Diagnostik wichtig, die nicht nur schematisch vorgeht, sondern den Menschen als Ganzes wahrnimmt. Prof. Dr. med. Leonhard Schilbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vertritt genau diesen Ansatz. In seiner klinischen und wissenschaftlichen Arbeit verbindet er neurobiologische Forschung mit einem klaren Blick auf zwischenmenschliche Prozesse und subjektives Erleben.
Wer sich vertiefend mit dieser Perspektive auseinandersetzen möchte, findet auf seiner Webseite und in seinen Publikationen als auch Interviews weiterführende Einblicke in die medizinische und menschliche Dimension von Autismus.
„Wissenschaftlich beschäftige ich mich mit den behavioralen und neurobiologischen Mechanismen sozialer Interaktion, um zu erklären, unter welchen Bedingungen soziale Interaktionen gelingen und welchen Einfluss die soziale Integration auf die seelische Gesundheit hat. Klinisch-psychiatrisch verfolge ich den Ansatz, dass psychische Erkrankungen in wesentlichen Aspekten Störungen der sozialen Interaktion darstellen und beschäftige mich mit den sozialen Ursachen, Ausdrucksformen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen.“ Prof. Dr. med. Leonhard Schilbach